Kurzgeschichten

Der See

Wenn ich mich in meinem Alter der Schmerzen in den Gelenken, der Einschränkungen, die meine Wirbelsäule meiner Freiheit auferlegt, an die Zeit erinnere, als die Milch noch frisch war und in weißem Wasserfall zwischen den von der Sonne in ocker-gelbe Farbe getauchten Berge floss, gleich einer Gabe die Mutter Natur im Überfluss zur Verfügung stellte und der See voller Jugend schäumte, dann fallen mir all jene Spaziergänge ein, die in unserem alten Haus begannen und auf unterschiedlichen Routen, einmal durch ein Dickicht von eng aneinander geschmiegten Bäumen, einmal an der Grenze zum Wasser und einmal über einen felsigen Weg voller kleiner spitzer Steine, durch ein Bild führten, so als sei es für mich gemalt worden.


In der Sonne ist der See ein vielfältiges Glitzern. Seine Existenz bedeutet Gemeinschaft. Die Spiegelung aber ist wie kaltes Feuer, das, wenn die Wolken ihren Ursprung verdecken, im See begraben liegt. Abgeschiedenheit tropft von den Farnen auf deren langen Armen Vögel singen. 

Die Erzählerin Inge sitzt schweigend am See. Ihre Worte sind weich, zärtlich und von einer Trauer erfüllt, die sie biegen, in einer Richtung zwingen, Mulden im Text entstehen lassen. An guten Tagen sind sie kurz; an schlechten führen sie durch eine Dunkelheit, eine Dunkelheit, die fast allen Erzählerinnen ihrer Zeit eigen ist. Die schönen Worte scheinen abzublättern, wie die bunte Farbe am Boot unter der der braun-rote Rost hervorsticht. Das Boot liegt da, noch halb im Wasser, nur der Bug hat sich in den feinen Sand geschnitten. Einmal hat sie versucht den See zu beschreiben, aber ihre Worte rissen ab, konnten nicht weiter……


© Leopold Anderwald - März 2018

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