Kurzgeschichten

Der Vorwurf

Der leise Vorwurf, der sich bei ihr, der großen Schriftstellerin, zärtlich von Wort zu Wort, von Zeile zu Zeile angelte, wurde nie laut. Niemals. Als Anklage liebkoste er die Leserinnen, wie sanftes Violett lebte er im vordergründigen Hintergrund, war immer da, wie Gott. Wenn die kurzen Geschichten zu Ende gingen und dicke Überschriften neue ankündigten, blieb alles beim Alten. Neu gelebt wurde nichts, die Phrasen schmiegten sich an das gemeinsam Gewollte, das, abgegrenzt und frisch gemischt, wie eine Pokerpartie, immer neue Blätter garantierte. Die Form, es ist die Form, es ist nicht die Form, worauf es ankommt, wichtig ist ….

Setzen Sie nur ein was wichtig ist, denn das Wort lebt, es ist Symbol geworden und ist im Text verknöchert. Verlieren müsste man können, dann würde der Vorwurf sterben.


© Leopold Anderwald - April 2018

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